tupodcast

Transkript

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Tupoka und Sharon

When we heed a certain call. When the world must come together as one. [beide lachen] yes, yes, yes, amen.

Yes, if it doesn´t work out with the author thing. Ja, Karriere als Sängerin.

We have this down my dear [beide lachen]

tupodcast

der Podcast von Tupoka Ogette, Gespräche unter Schwestern

Herzlich willkommen zur Season zwei von tupodcast. Ich bin Tupoka und die Gastgeberin des Podcasts. Als Trainerin, Aktivistin und Autorin rund um das Thema Rassismus, Rassismuskritik begleite ich zusammen mit meinem Mann, Stephen, Institutionen, Organisationen und Individuen auf ihrer Rassismuskritischen Reise. Dieser Podcast ist unser Herzensprojekt. Gespräche mit Schwarzen Frauen haben mir den Weg in das Verständnis über mich selbst als Schwarzer Mensch in dieser Welt geebnet. I am because they are. Bis heute sind es diese Gespräche, die mich stärken, bereichern, aber auch heilen und wachsen lassen. Und Black Women are bad ass, literately. Schwarze Frauen haben schon immer kreiert, gekämpft, entdeckt, inspiriert, erschaffen, erforscht, geschrieben, geglaubt, geliebt und gehofft. Trotz und wieder unglaublicher Barrieren, Grausamkeiten und Erniedrigungen, die Ihnen rassistische und patriarchale Machtstrukturen gegebenenfalls auch noch heteronormative, colouristische, ableistische, homo- oder transfeindliche oder weitere Machtstrukturen in den Weg geworfen haben. Ihren Geschichten beizuwohnen und zuzuhören, ist bereichernd und wie ich finde, ein Privileg für alle.

Representation matters! Und ich freue mich darüber, eine Plattform zu haben, auf der ich mit unterschiedlichsten Frauen sprechen kann, die alle mit ihren individuellen Geschichten unsere Welt bereichern. Gleichzeitig wissen wir, dass tupodcast niemals allen Stimmen die eigentlich gehört werden sollten, gerecht werden kann. Deshalb ist es uns wichtig darauf hinzuweisen, dass ihr vor allem als weiße Zuhörer*innen immer im Hinterkopf habt, dass die geschilderten Erlebnisse natürlich an kollektive Erfahrungen und Positionierungen anknüpfen, aber dass sie eben niemals repräsentativ für alle Schwarzen Frauen stehen können und quite frankly auch nicht stehen sollten. Viel Inspiration, Erkenntnis oder auch einfach Spaß beim Hören der Gespräche.

Diese Folge wird von i+m Naturkosmetik Berlin gesponsert. I+m Naturkosmetik ist ein regelrechtes Pionierunternehmen der Bio- und Naturkosmetikbranche mit den Unternehmenswerten: Fair, organic, vegan verbindet i+m Ökologie, soziales Engagement und modernen Lifestyle. Das i+p Vollsortiment ist zertifiziert nach dem höchsten Standard für Biokosmetik, vegan, tierleidfrei und klimaneutral. I+m verwendet ausschließlich kaltgepresste Öle und ist eine der Kosmetikmarken mit dem höchsten Fairtrade Anteil in ihren Produkten. Mit dem code: "tupodcast 20" bekommt ihr unter "i+m.berlin" bis zum 31.12. 2021, 20% auf alle Produkte im Shop, ausgenommen bereits rabattierte Ware, Geschenksets, Probierservice und Kosmetiktäschen alle Infos könnt ihr in den Shownotes der Folge nachlesen.

Ich höre tupodcast bestimmt schon seit der ersten Folge, religiously! Und ich liebe diesen Podcast ganz einfach, weil es ein geschwisterlicher Umgang ist. Ein sanfter Umgang und die Gespräche mich jedes Mal bereichern und jedes Mal irgendwie sehe, dass wir unterschiedliche Möglichkeiten haben aber gleichzeitig in der Essenz ist es doch gleich. Wir gehen auf unterschiedliche Arten und Weisen durch dieselben Prozesse, oder haben die gleichen Schwierigkeiten. Das einfach sehr gut zu hören im tupodcast. Da kann man weinen und lachen und staunen und es ist einfach alles zusammen und deswegen liebe ich den Podcast.

Herzlich willkommen zu tupodcast. Wie toll, dass du wieder da bist. In der heutigen folge bin ich im Gespräch mit der Schriftstellerin, Publizistin und Ingeborg Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo. Es ist ein Gespräch über die eigene Meinung und das Überleben. Über das Schreiben als aktivistische Ausdrucksform und ein Zuhause in community. über die Adas die Seite 90 und das Öffnen von Türen. Ich wünsche euch jetzt viel Spaß beim Hören der neuen Folge.

Ok, es ist ein absolut wunderbarer und wichtiger und historischer Moment hier bei tupodcast denn heute sitze ich hier mit der unfassbaren Sharon Dodua Otoo. Herzlich willkommen zu tupodcast Sharon.

Vielen vielen Dank liebe Tupoka, ich bin sehr gerne hier.

Ich freue mich wahnsinnig und du weißt ich bin total aufgeregt. Ich bin heute mit meinem Alter Ego, wir haben es genannt? -Tupoka Scheck- [beide lachen]

I love it.

not, aber ja ich freue mich voll, es ist total toll, dass du hier bist. Du weißt du warst, also du weißt es, aber die Zuhörer*innen wissen es nicht. Sharon ist die allererste, die ich gefragt habe, ob sie zu tupodcast kommt.

Damals…

Damals ja und jetzt ist der Zeitpunkt richtig. Sharon: Jetzt, ja wir haben ganz lange gesucht nach dem richtigen Moment und wow, es ist schön hier [beide bejahen]

Es ist wie so eine kleine Astronautenkapsel oder so, so out of space. [Sharon lacht]

Und ich bin wirklich sehr sehr glücklich, also dass du das machst und das es so lange läuft schon und ich höre eigentlich alle Episoden also manche Gespräche haben mich zu Tränen gerührt und es ist immer was Besonderes. Also vielen vielen Dank und danke, dass ich hier sein darf.

Ich danke dir, unfassbar. Der tupodcast wäre ja gar nix ohne die vielen wunderbaren Frauen, die zu Besuch kommen und danke, dass du auch hier bist und ich steige mit dieser Frage ein, die eigentlich banal klingt aber gar nicht banal ist in diesen Zeiten, wie geht es dir?

Unterschiedlich gut, gut mostly, also mostly gut, denn mein Roman ist ja gerade erschienen [Tupoka freut sich, Sharon lacht] und eigentlich als Autorin kann ich das mir nicht besser wünschen. Es wird viel besprochen, es gibt auch sehr schöne Besprechungen, ich bekomme sehr viele Anfragen für Interviews, Radiointerviews auch Fernsehsachen und natürlich geht es dann auch los mit den Lesungen, Lesungsanfragen und das ist sehr berührend. Also, dass viele Leute sich bei mir melden auch durch social Media per Mail und mir sagen was diese Roman für sie bedeutet sehr unterschiedliche Personen wo ich nicht gedacht hätte, dass sie was mit dem Roman anfangen können. Und das zu integrieren mit dem Gefühl, dass ich das geschrieben habe, dass ich irgendwann an meinem Laptop saß und dachte -what... was soll das? -, das es jetzt draußen ist, das was ich geschrieben habe ist schon ja, das ist eine Herausforderung mit diesen komischen Gefühlen umzugehen. Aber, es ist eigentlich meistens sehr gut und ich sage immer also ich bin gesund und ich bin dankbar, dass die Leute, die mir nah sind, alle gesund sind und ja alles andere ist im Vergleich dazu unwichtig sozusagen.

Ja, absolut herzlichen Glückwunsch, ich hatte die große Ehre oder Stephen und ich hatten die Ehre diesen Roman schon zu lesen kurz bevor er rauskam. Und ja wir reden heute auf jeden Fall auch ganz viel über Adas Raum und ich freue mich, also wir beobachten das so sehr genau. I don´t wanna sound creepy aber wir sind [beide lachen] wir sind da in erster Reihe dabei [Sharon stimmt zu] und kriegen das mit ja, was dieses, was du in die Welt gesetzt hast, was damit jetzt passiert. Stephen recherchiert jeden Tag nach neuen Rezensionen und das ist schon sehr berührend. Ich muss auch daran denken, dass als Joy Denalane hier war sagte sie, dass es bei ihr in der Musik oft so ist, dass sie quasi etwas schafft was ganz lange so bei ihr ist und dann gibt sie das an die Welt ab und dann passiert etwas damit. Ja, und das ist etwas, was man vorher noch nicht absehen kann und das ist ein spannender Prozess.

Ganz genau. Ich finde es auch beim Schreiben so. Es ist eine Sache, die ich mir so ausgedacht habe und zu Papier gebracht habe, aber die eigentliche Magie ist das was so zwischen diesen Worten und den Lesenden ist. Das ist das, also diese Interpretationen, die die Lesenden dazu bringen, das ist das Faszinierende was Literatur kann, finde ich. Und das ist das, auf was ich neugierig bin, es zu hören. Ok, was hat denn der Roman ausgelöst bei dir persönlich oder halt in der community? Das war ja mein Ziel, dass ich einen Roman schreibe für Schwarze Menschen die in Deutschland Leben, Arbeiten, Lieben, Kinder erziehen. Ja, und ich freue mich aber auf jeden Fall, dass das der Roman auch Relevanz hat für weitere Personen.

Ja, ich hab‘ gleich so viele Gedanken zu dem Schreiben und zu deinem Buch und ich werde mich noch ein bisschen zügeln bis ungefähr zur Mitte des Gesprächs. Aber auch deswegen, das haben wir im Vorgespräch gar nicht besprochen. Ich schaue mir gerade die master classes mit Roxane Gay an.

Ah, okay.

Das war ein Hinweis von Alice Hasters, die das anschaut und das ist einfach mega empowernd und ich habe ganz oft auch an dich gedacht bei dem Schauen. Also weil es auch darum geht um Schreiben für social change und deswegen bin ich da auch gerade so…

Das ist ein Tipp? Okay.

Ja, unbedingt also das kann ich so krass empfehlen vor allen Dingen, Schwarzen Menschen. Aber lass uns, bevor wir nach vorne gehen, einen Blick zurückwerfen. Wir haben vorhin überlegt, wann wir uns kennengelernt haben. [beide lachen] Was ist da rausgekommen? Äh, wir wissen es nicht mehr.

I don´t know.

Genau.

We have always known each other.

Ja, irgendwie schon. [beide lachen]

Also ich weiß, ich hatte erzählt, es war, es muss so um die 2011/12 oder so gewesen sein, dass ich bei dir zu Besuch war. Aber damit ich bei dir zu Besuch bin, müssen wir uns ja wohl vorher gekannt haben. Ich werde ja nicht einfach an deiner Tür klingeln und ich meine, dass wir uns da auch schon besser kannten. Ja, weil sonst wäre es ja weird. I don´t know. Wir wissen es nicht. Sharon: Wir wissen es nicht, aber unsere Kinder kennen sich Tupoka: auch schon lange.

Ja.

Ja.

Ja, vielleicht wissen sie wie es war. Tupoka: Stimmt, die könnten [beide lachen] ja sowohl die Großen als auch die Kleinen kennen sich. Ja gut, also ich kann auch gut mit dieser Antwort leben, dass wir uns schon immer kannten, das wärmt mein Herz. Das finde ich auch schön. [Sharon lacht] Du kennst auf jeden Fall auch Stephen. Stephen kennst du schon viel länger als mich und da ist noch eine Schleife.

Ja Stephen ist mein Cousin, eigentlich.

Ja, genau.

Also so nennen wir uns, weil Stephen den gleichen, genau den gleichen Namen hat wie mein Lieblings Cousin in Ghana. Und als ich damals Stephen Lawson in Germany kennengelernt habe, [Tupoka lacht] ich so : Wow, nein (ironisch) und habe versucht diese Verbindung, die ich zu Stephen Lawson in Ghana spüre und dann diese andere Verbindung, die ich zu Stephen Lawson in Germany spüre, da hab ich versucht ,na ich hab die Connected auf Facebook. So, guckt! [Tupoka lacht] Die waren nicht so begeistert. Aber naja. [beide lachen]

Aber bei dir, die Verbindung läuft halt zwangsläufig über dich. Ja weißt du, das ist die Verbindung und das ist auch schön. Ja, lass uns am besten noch einen Schritt weiter zurückgehen und ich stelle die klassische Frage. Die klassische tupodcast Frage. Am Anfang war das Wort und inwiefern wurde in deiner Herkunftsfamilie oder in deiner Kindheit Rassismus thematisiert, wenn überhaupt? Und gab es Strategien, die du entweder selber entwickelt hast oder die du mitbekommen hast? Durch die Menschen um dich herum?

Diese Frage ist so berührend. Immer wenn ich höre, wie die anderen Schwestern geantwortet haben, da kriege ich Gänsehaut. Weil ich weiß, dass ich oft gehört habe, dass die Eltern ihren Kindern geglaubt haben. Das finde ich so stark und ich möchte sagen: an alle Eltern, die ihren glauben, danke. Denn es ist so wichtig! Bei mir bei uns war das anders. Ich habe rückblickend das Gefühl, dass meine Eltern auf jeden Fall Rassismus erlebt haben. Krasseren Rassismus auch so im Berufsleben und in der Öffentlichkeit, im Alltag. Das glaube ich sofort. Und ich weiß es auch weil es manchmal Gespräche gab, mit anderen Erwachsenen, als die Kinder schliefen oder keine Ahnung, Fernsehen geguckt. Ich habe irgendwas aufgeschnappt. Krasse Vokabeln fielen und einmal, als ich in Hannover war, ich bin, als ich 18 Jahre alt war, nach Hannover gezogen für ein Jahr, um Au-pair Aufenthalt zu machen, und da hab ich ein bisschen mit meinem Vater telefoniert. Wöchentlich haben wir telefoniert und eigentlich, mein Vater und ich, wir reden nicht so viel. Mein Vater hat nicht so viele Worte, er sagt nicht so viel, aber auf einmal haben wir angefangen wöchentlich zu telefonieren. Das war eine schöne Erfahrung. Und dann habe ich irgendwo etwas aufgeschnappt. Er hat einen Brief an eine Verwandte geschrieben. Er sagt, Sharon erlebt das in Deutschland, was ich auch erlebt habe in London damals. Das hat er mir nicht gesagt, aber das hat er irgendwie so, das war so wow. Ja, aber meine Eltern haben Rassismus nicht thematisiert vor uns. Das war kein Thema ich glaube nicht, weil es nicht existierte, sondern es war so allgegenwärtig, es war so präsent, dass es kein Thema war. Es war so. Ja klar. Und was? Was macht ihr damit? Nicht mal das wurde ausgesprochen. Und es war so eingebaut in unserem Selbstverständnis, dass wir a) nicht zu England gehören, wir sind nur vorübergehend in England, wir sind nur Besucher*innen oder so, wir werden irgendwann zurückgehen. Meine Geschwister und ich sind in London geboren, aber es war klar, dass wir nur Besucher*innen waren und wir werden irgendwann nach Hause gehen. Die haben immer gesagt: “We´re going home we´re going home.” Also wenn ich mir überlege, dass sie sich seit 30 Jahren erzählen we´re going home, das hat was religiöses ehrlich gesagt.

Ja.

Es hat dieses, das richtige Leben kommt, dann.

Okay, ich hatte eher dieses Gefühl von es ist wie ein Schutz. [Sharon stimmt zu] Tupoka: Also, so: ´cause we´re going home. Also ich kenn‘ das von kurzen Auslandsaufenthalten, dass man so weiß: I‘m not gonna, ich gehe gar nicht so tief hier rein, ich committe mich gar nicht so, weil: I´m going home.

Ja, genau. Das war ganz tief in mir drin, dass ich wusste, ich wusste, dass ich Schwarz bin, aber nicht mit diesen Vokabeln, sondern ich wusste, ich gehöre nicht dazu, ich werde als minderwertig angesehen. Ich werde entsprechend behandelt. Und ich hatte, ich weiß noch, dass ich so ein Selbstverständnis hatte. Ich kann das nicht anders beschreiben, ich war außerirdisch. Ich, gehörte nicht hierher und das war total klar. Also wie Menschen mit mir umgegangen sind in der Schule, die waren nicht mal fies. Es gab auch so name calling und so, aber es war einfach so, wir gehörten nicht zusammen. Es war eine Art Segregation, ohne dieses Wort gehabt zu haben. Und so bin ich aufgewachsen und es hat auf jeden Fall was mit mir gemacht. Und ich konnte mit meinen Eltern nicht darüber reden, weil ich es gab keine Wörter dafür. Also ich hab das in Erinnerung, dass meine Geschwister das anders erlebt haben. Also ich war in einem Jahrgang und ich war auf jeden Fall das einzige Schwarze Mädchen. Ich glaube sogar in der ganzen Schule, aber auf jeden Fall in meinem Jahrgang, ja. Das ist komisch, wenn man bedenkt, dass ich in London aufgewachsen bin. [lacht]

Ja, ich wollte es gerade sagen.

Aber meine Eltern hatten extra den Ort gewählt, wo am wenigstens Schwarze Leute sind, die haben diesen Rassismus internalisiert gehabt. Und es ging darum, irgendwo ganz weiß zu wohnen, middle class, so gut wie es geht und gute education und so weiter und so. Deswegen war das alles so. Ja. wir haben versucht uns anzupassen. Meine Schwester hat eine, ich weiß nicht was, zwischen meiner Schwester, wir sind nur ein Jahr auseinander, aber, als sie zur Schule gegangen ist, war es schon ein bisschen lockerer. Sie ist irgendwie anders in diesem sozialen Gefüge angekommen. Also meine Schwester wurde zum Beispiel, hab ich in Erinnerung, als ein Mädchen angesehen, in das man sich verlieben konnte, ich aber nicht. Nein, ich weiß nicht warum. Das war progression of something.

War sie auch in der gleichen Schule?

In der gleichen Schule. Ja, und mein Bruder war wieder anders. Er war ein Junge. Also er hatte sehr, sehr viele positive Eigenschaften an sich. Er konnte schnell rennen, gut im Sport und lustig und so weiter, gut aussehend. Deswegen hatte er das wieder anders. Es war sehr interessant, unsere unterschiedlichen Erfahrungen. Ja und Strategien, ich glaube, damals war es für mich so, ja, Augen zu und durch so ein bisschen.

Es ist interessant. Ich frage mich, ob das bei dir ähnlich ist oder anders. Weil auf eine bestimmte Art und Weise haben wir ja beide auch Wörter oder Worte als (Ausdrucksform), natürlich Wort. Aber es gibt ja Menschen, die wählen die Musik als Ausdrucksform und andere. Wir haben beide die Worte gewählt. Ob jetzt in Workshops oder Büchern und so. Und ich war aber z.B. ein Kind früher, dass nie gesprochen hat zu diesen Themen. Also ich habe dissoziiert. Ich habe so, ich bin so, wenn irgendetwas war, bin ich wie ja, ich bin aus mir raus getreten und habe gewartet, bis es vorbei ist und versucht mich so klein und unscheinbar zu machen, wie es geht. Und das ist interessant, weil man das eigentlich gar nicht erwarten würde. Aber ich, ich kenne das auch im Erzählen von anderen Schwarzen Autor*innen. Maya Angelou zum Beispiel, die sagt, sie hat lange nicht gesprochen. Dann aber, als sie anfing, hat sie nicht mehr aufgehört.

Stimmt ja, das habe ich auch gesehen, diese Dokumentationen. Also ich war schüchtern, ich fand es schwer. Ich weiß noch, dass ich keine Meinung hatte, das weiß ich noch, dass ich es schwer fand, zu sagen: "ich mag das oder das ist mein Lieblings (…). Ich war immer auf der Suche. Was mögen die anderen? Ach, das mag ich auch. [Sharon lacht, Tupoka stimmt zu] Und ich erinnere mich, ich erinnere mich genau an den Moment. Es gab ja eine Popgruppe, die hieß "Wham", weißt du? [Tupoka bejaht und lacht]

George Michael and Andrew so und so. And I was like: Yeah, Wham were awesome! Alle liebten Wham, es war ungefährlich, Wham zu mögen. Aber es gab einen Moment, wo jemand gesagt hat:" Oh, ich mag George Michael am besten." Und ich so: Ja, ich mag George Michael auch George Michael ist super. Und dann sagt jemand anderes:" Ja, ich mag...." ich weiß nicht mehr, wie er hieß, "... Andrew". Also ich war total confused, in meinen Kopf passte das nicht. Also wenn eine Person George Michael toll findet, dann finden wir doch alle George Michael so [beide lachen] Und die Möglichkeit, dass zwei Menschen, zwei unterschiedliche, [Pause] das hat mich total, das war mind blowing ehrlich. Und das hat mich total beschäftigt. Ich weiß auch nicht, warum ich so confused war. Es war so, ich hatte ein Elternhaus, streng religiös. Meine Eltern super streng. Bis hin zu körperlich streng. Und dann in der Schule, ich weiß nicht, ob die Leute sich da für Religion interessiert hätten überhaupt. Also ich habe das irgendwie, diesen Spagat, hingekriegt. Aber ich muss das so gemacht haben, dass ich zu Hause einfach diesen anderen Teil ausgeschaltet habe, was vor der Haustür war.

Ja.

Ja, und dann, wenn ich draußen war, habe ich meine Ghana-Eltern vergessen. Ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe, keine Ahnung. Tupoka: So eine Art Setting, so zwei.

Ich weiß, dass ich mich oft sehr zurückgehalten habe. Ich habe erst mal abgewartet, um zu hören, was die anderen denken. Ich wollte mich sicher fühlen, wenn ich überhaupt was sage, das weiß ich.

Mir fällt da das Wort "survival" ein. [Sharon stimmt zu] Also ich bin manchmal auch vorsichtig mit diesen großen Worten, aber es ist eine Form von survival. Tatsächlich habe ich mit Trina Roach gearbeitet, eine Coachin auch eine Schwarze.

Ich kenne Trina.

Ja, genau. Da hatten wir einen Punkt, und das knüpft total an das an, was du erzählt hast, dass ich so oft, bis heute [neuer Satz] Also, ich komme in einen Raum und scanne: "Was braucht dieser Raum?" Bevor ich scanne: "Was brauche ich in diesem Raum?" [Sharon stimmt zu] Und dass das zurückgeht auf Kindheitserinnerungen. Wir haben dann so ein inneres Mantra: "This is my playground now!" Ich kann damit sehr viel anfangen mit dieser Strategie, die vielleicht nicht bewusst gewählt ist, eine Survival Strategie auch.

Ja, also ist es auch so, dass ich bin so aufgewachsen. Ich hatte zu hören im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hatte zu hören und es war nicht interessant, was ich dachte. Na, weil das Leben ist hart [lacht]. Es gilt zu arbeiten, alles, Hausaufgaben zu machen und Hausarbeit zu machen und so weiter und so fort. Und das, was ich darüber dachte, war nicht interessant. Und meine Eltern waren so, ich glaube, die haben gedacht, nur so werde ich bestehen können, in der Welt. Ich glaube, das war der Gedanke dahinter. Und deswegen war ich auf einmal in einer Situation, wo es in formelle education mit Abitur und dann irgendwann Studium und so. Ich war irgendwann sehr überfordert mit diesem ne, meine Meinung zählt irgendwie so what? - wie meine Meinung zählt? [beide lachen]

Und dann eine zu formieren auch. Das ist auch Arbeit. [Tupoka lacht]

Und erst war ich natürlich, ich sage "natürlich" aber ich möchte das auch unterschreiben. Es war nicht so, dass ich sofort wusste -keine Ahnung- die richtigen politischen Begriffe und so weiter. Ich war eher so und honestly, ich möchte keine Leute beleidigen, aber ich empfinde das selber so, dass ich eher auf Bildzeitungsniveau war lange Zeit. Also es gibt da eine Zeitung in England "The Sun". Wenn wir Zeitungen gelesen haben zuhause, das war dann so eine Boulevardzeitung. Wir haben die soap operas geguckt, eastenders und so. In Deutschland wäre das Lindenstrasse nehme ich an.

Also Lindenstrasse haben wir auch geguckt.

Das waren die Sachen, die ich dann gut fand, [lacht] weil alle das gut fanden und das war auch mein politisches Niveau. Ich kann mich erinnern, dass ich manchmal so ganz schräge Sachen gesagt hab zum Thema Rassismus. Wenn ich mich jetzt betrachte, [beide lachen] terrible. Ja, das war ein langer, langer Prozess von dort bis hierhin.

Oh danke, dass du das teilst. Ich hänge da immer noch. Ich will weiter. Es gibt so viele Sachen, über die wir sprechen wollen, aber ich hänge auch an diesem einen Punkt. Diese Erfahrung von First Immigrant Parents, die quasi dann -das ist so eine Strategie, von der du erzählst- dieses Okay, wir sind jetzt hier und education ist das, was zählt, sei doppelt so gut und auch no whining über die kleinen Sachen weil es gibt große strukturelle Dinge.

Also das hast du erlebt (ironisch)? Pah, wenn du wüsstest, was ich erlebt habe, so meinst du oder?

Ja, und das ist auch eine Kollektiverfahrung ist und es auch dann eine Differenz gibt zwischen der ersten Generation und dann die zweite Generation oder die Dritte, die dann mit diesen Strategien teilweise etwas anfangen können, aber doch dann eben anders. Andere Strategien und nochmal mehr dieses nicht mehr gehen nach Hause, sondern wir sind jetzt hier. Where are we going? Das ist unser Zuhause und wir müssen doch hier (sein). Also hier, wo das nicht mehr funktioniert, dieses "wir gehen nach Hause".

Aber dieses "Wir gehen nach Hause" hat auch nicht funktioniert. Das war auch eine Illusion. Oder vielleicht war es notwendig, um überhaupt das Ganze zu überstehen? Also ich fand das irgendwann sehr ärgerlich, dass meine Eltern sich nicht mit dem auseinandergesetzt haben, was den Kindern passiert. Was ist mit den Kindern? In der Hinsicht, dass es irgendwann total deutlich wurde, dass wir Kinder nicht nach Ghana zurück, "zurück" in Anführungsstrichen gehen. Also z.B. meine Eltern haben mit uns, den Kindern, ihre erste Sprache nicht gesprochen. Das heißt in Ghana. Wir waren mehrmals in Ghana zu Besuch. Wir haben immer nicht direkt mit den Großeltern gesprochen, ich habe nicht mit meinen Großeltern gesprochen, weil meine Großeltern kein Englisch konnten. Ich konnte kein Gur und dann saßen wir da und haben einander angeglotzt. [Tupoka lacht und bestätigt]

Was soll das? Wie kann das dann ein Zuhause sein? Und ich glaube das ist etwas, wenn ich darüber nachdenke, werde ich wütend, weil das war nicht zu Ende gedacht.

Ja, mein Vater, der ist ja mit, da war ich vier oder so, zurück gegangen worden, nach Tansania und ich glaube, bei ihm ist es so, er ist halt auf dieser Platte hängengeblieben. Also der ist auf einer bestimmten Platte hängengeblieben, weil immer, wenn wir uns sehen, wir haben schon eine Beziehung und ich spreche natürlich auch kein (Swahili). Also mein Swahili ist super basic, aber meine Großeltern haben noch eine andere Sprache gesprochen, Kindali die konnte ich überhaupt nicht. Also ich hab auch mit meiner Großmutter (nicht geredet). Es war schön, aber wir haben uns angeguckt und sie hat was gesagt und ich hab was gesagt und es war so: Hmm? und ich hätte mir so sehr gewünscht diese vielen, ihre Geschichten zu hören und was sie zu erzählen hat.

Aber mein Vater ist immer auf dieser Schiene: "You're my queen of Africa" , which is so confusing to me. Also, [lacht] er ist immer nur auf dieser Schiene: "I carried you on my back." [Pause] Ich weiß nicht, warum ich das gerade erzähle. Aber jedenfalls gab es da auch nie... [Pause]

Er hat nicht gesehen, wo du bist.

Überhaupt nicht, also bis heute nicht. Er ist super stolz auf das, was ich mache. Was er so hört und so. Aber, es gibt so ein riesen Disconnect zwischen dem was war und was in seinem Gehirn war. Aber, any how, du hast ja schon angefangen, also hast du gesagt, das ist ein langer Weg von da bis hierher. [Sharon stimmt zu] und ich fände es wahnsinnig spannend zu hören, ob es so ein oder zwei Meilensteine gab, ich sag jetzt mal so ein komisches Wort, oder Umbruchsmomente, große Momente, in denen du angefangen hast, Worte zu finden für das, was du erlebst und vielleicht dann auch dich bewusst entschieden hast aktivistisch zu arbeiten. Das sind ja zwei verschiedene Prozesse. Das eine passiert ja vor dem anderen. Aber ja, was so deine Politisierung eingeleitet hat?

Okay, also das mit dem Schreiben, das fing relativ früh an. Ich habe ja nicht mit anderen Menschen gesprochen [lacht]. Ich habe Sachen aufgeschrieben, ich habe kleine Sachen, Gedichte, Kurzgeschichten, Lieder aufgeschrieben. Ich wollte ja Sängerin werden [lacht]. Ich wollte auch Schauspielerin werden.

Oh, wie schön!

Ja, kurz. Tupoka: Kann alles noch passieren. [lacht] Sharon: Für einen kurzen Moment dachte ich, das schaffe ich und dann, of course, hab ich irgendwann gesehen, dass es sehr wenige Schwarze Frauen im Fernsehen gibt. Damals gab es, ich glaube gar keine. Und dann hab ich gedacht, das wird wahrscheinlich nicht so schnell klappen. Ich schreibe meine eigenen Filme und setze mich in die Hauptrolle [beide lachen]

Aha, bäm!

So war das! [beide lachen] Und ich habe alles Mögliche versucht ne, schriftlich... [beide lachen]

Ich hab sowieso gelesen und ich hab Literatur geliebt, ich habe damals viel mehr gelesen, als ich jetzt lese, tatsächlich. Und die Möglichkeit, irgendwie einzutauchen in eine Geschichte, sich zu verlieren und einer Person zu folgen, with their troubles und so, das habe ich geliebt. Aber es war selten, dass ich eine Geschichte, mir fällt jetzt spontan nur eine Geschichte ein, wo es ein Schwarzes Mädchen gab und das war eine Geschichte die in den USA abspielt. Das ist so eine krasse Geschichte. Diese Geschichte heißt: "Roll of Thunder, Hear My Cry" von Mildred D. Taylor. Kennst du dieses Buch?

Ne.

Total schön geschrieben. Es gehört immer noch zu einem meiner Lieblingsbüchern. Auf Deutsch heißt es Donnergrollen, höre mein Schreien oder so.

Der Titel sagt mir irgendetwas, aber ich habe es noch nicht gelesen.

Ich liebe das Buch. Aber es ist eine krasse Geschichte, dass am Ende niemand, ach nevermind, I don't want to tell you. Aber es ist eine krasse Geschichte. Mir haben Geschichten gefehlt, wo es nicht um eine extrem krasse Sache, eine krasse Gewalterfahrung oder so geht, sondern um die alltäglichen Struggles von schwarzen Menschen. Ich sage die Alltäglichen, also die Struggles, die ich erlebt habe als Mädchen in London. Das gab's nicht. Alle Kinder in der Literatur waren weiß und irgendwann, als ich studiert habe war es das gleiche in big sozusagen. Das war die eine Sache, die andere Sache war, dass ich sehr oft in Deutschland war. Ich weiß es nicht genau warum Deutschland, das kann ich nicht sagen [lacht]. Ich nehme an, irgendwo in meiner Vergangenheit gibt's deutsche Vorfahren, die mich immer gerufen haben. [beide lachen]

Die rufen dich, ja genau [lacht]

Come home! [lacht] achso, die werden das auf Deutsch sagen.

Komm nach Hause.

Komm nach Hause, Kind. [beide lachen]

Ich habe angefangen Deutsch zu lernen in der Schule. Und dann hab' ich irgendwann A-Levels also das Niveau des deutschen Abitur gemacht und dann hab' ich mein Auslandsjahr in Hannover gemacht. Also ich hab' das Deutsch Studium angefangen, dann hab ich nochmal ein Auslandsjahr in Berlin gemacht. Das war 95/96. Quatsch! 94/95. Das war das Jahr, that was the big Wendepunkt in meinem Leben. Ich bin tatsächlich die Straße runter gegelaufen, tü tü tü [singt]. I was walking down the street und dann hab' ich ein Poster gesehen. Black History Month, 95 you know, Black History Month Berlin.

oh, wow!

I was like: was is' n das? Black and History in the same sentence? [beide lachen]

Was? Schwarze Geschichte? Was soll das? Aber ich wusste, dass ist irgendwas für mich. Also ich war so: häh? Ich war total perplex, aber ich dachte, da gehe ich hin und ich bin hingegangen. Das war glaub' ich die Eröffnungsnacht von dem Black History Month 95 in Berlin. Ich weiß nicht mehr genau wo das war, aber irgendwo in Kreuzberg. Ja, und dann habe ich viele Menschen aus der ISD kennengelernt, I was blown away. Also es war eine Offenbarung. Also wie gesagt, bis zu dem Zeitpunkt hatte ich Schwarzsein ausschließlich mit etwas Negativem verbunden, ausschließlich mit irgendwas, was wir tilgen müssen. Ist das das Wort? Also irgendwie kompensieren.

Ja, Kompensieren, auf jeden Fall.

Möglichst nicht darauf hinweisen. Okay, man sieht zwar, dass ich Schwarz bin, aber ich kann auch das und das machen.

Ja. Sharon: Ich bin ganz gut darin.

Das ist so krass [betroffen].

Ja, das ist echt schlimm. Und dass eine Gruppe von Menschen zusammengekommen ist und sie sagen: "Wir sind Schwarz und wir sind auch noch stolz drauf!" [beide lachen]

Oh my God! Sharon: I said: "what!?". Dann bin ich dahin. Da hab' ich Literatur…. Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich von W.E.B. Du Bois, Langston Hughes, das sind jetzt US-amerikanische Bezüge aber so habe ich so viel gelernt in diesem einen Jahr. Mein Blick hat sich total verändert auf die Welt. Ich hab so ganz neue Sachen gesehen und verstanden, Zusammenhänge erkannt. Ich benenne das auch als Black Coming Out, das war das Jahr.

Ich bin dann zurückgegangen nach London. Was hab ich gemacht? Ja, ich war eigentlich im Studium, genau. Ich musste dann noch ein Jahr Pause machen, weil ich in Berlin schwanger geworden war und dann habe ich ein Babyjahr gemacht. Als ich mein letztes Jahr im Studium abgeschlossen habe, war ich dann natürlich Teil der Afro Caribbean Society. Ich war total politisch! Mein Studium war German and Management Studies. Also Germanistik und Betriebswirtschaftslehre, so ungefähr. Dann hab' ich ewig gesucht. Wieso sehe ich nichts in meinem Germanistikstudium von Schwarzen Menschen? Was ist das? Es gibt eine Figur. Wie heißt er nochmal, Feirefiz. Kennst du Feirefiz?

Ne.

Nee, bestimmt nicht. [beide lachen]

Feirefiz is your long lost Black german brother.

Oh mein Gott. [lacht]

Ja, es gibt einen...

Ich will ihn treffen.

Nee [beide lachen]

Nee. Also jetzt hier im Podcast, erzähl' mir von ihm.

Achso [beide lachen]

Feirefiz Ist der Halbbruder von Parzival.

Ah, ja.

Parzival, kennen alle. Und Feirefiz wird irgendwie beschrieben...

Ach doch! Ja, meine Oma würde...heißt der nicht Feirafiz?

Oh, das kann sein. Vielleicht sag ich das falsch.

Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube.

He is,..

[Sharon und Tupoka gleichzeitig]: gescheckt

Das ist, in dem gesamten Germanistikstudium, DIE afrodeutsche Person, die ich kennengelernt habe.

Oh mein Gott! Weil, meine Oma, als meine Mutter schwanger war, mit mir, einen Traum hatte, dass ich aussehen würde wie...

Don't say it.

Yap!

Oh my goodness.

Yes, Und daher kenne ich diesen Namen. Das ist diese Geschichte, die es in meiner Familie immer wieder gibt. Ich hoffe, ich erzähle es nicht falsch, aber ich glaube, sie hatte so einen Traum und hat von diesem Feirafiz oder Feirefiz geträumt. Aber ich wusste nicht, oder ich habe mich ehrlich gesagt nie so damit beschäftigt. Wer ist das?

Wer ist das? Ich glaube, der ist ganz nett. [beide lachen] Also ich glaube in der Geschichte macht er nichts Doofes oder so, also ich meine, dass der Autor diese Figur eingesetzt hat etwas Positives. Das ist ein bisschen wie dieser Struwwelpeter.

Ja, genau.

Ja, der ist zwar Schwarz, aber macht euch nicht über ihn lustig. But, das ist krass. Ich war so: "Aber es gab?????????? Ich habe mir irgendwie gedacht: Was ist das? Wieso wird dieses Studium so krass weiß gehalten? Wozu ist das gut?" Also das ist eine Frage, die ich hatte. Ich bringe diese zwei Sachen zusammen. Dass ich geschrieben habe, dass ich mich irgendwie in der deutschen Sprache bewegt habe damals und dass ich mein Black Coming Out hatte. So kam das irgendwie, dass diese Themen sich mehr mehr vermengt haben. Ich bin dann wieder in Deutschland gewesen. 98/99 für ein Jahr. Und dann letztendlich 2006, da sind wir hier endgültig hergezogen.

War das für dich auch emotional? Ich frage insofern, also hast du so ein Tabula Rasa gemacht und zurückgeschaut? Dieses Coming-out, es eröffnet ja ganz viele Räume und ganz viele Orte. Aber dieses Zurückschauen hat auch, bei mir auf jeden Fall, so eine Bitterkeit hervorgerufen bzw. habe ich mein Vorher-Ich und auch die Menschen vorher in meinem Leben kritischer beleuchtet. Es gab eine Phase, wo ich einfach super angry war. Ich war super frustriert und angry. [Sharon stimmt zu] Tupoka: Weil natürlich erstens nicht alle mitkommen... [lacht]

Ja, "schön" [ironisch]

Und wenn man so zurückblickt, deswegen, fand' ich das so einen bitter sweet moment, weißt du?

Ich erinnere mich nicht an Wut. Ich glaube, ich war noch verhaftet in dieser Idee von: Ja, wenn alle die gleiche Information haben, dann werden alle die gleiche Meinung haben. Also es fehlt denen nur an Information. You know?

Okay, okay. [beide lachen]

Und dann hab‘ ich viel versucht.

Das ist nicht so? [ironisch, beide lachen]

It might not be true anymore [beide lachen]. So langsam, also letzte Woche ist es bei mir angekommen, ja well... [lacht, beide lachen]

Ich glaube, ich war nicht wütend. Aber ich dachte oh, endlich hab' ich das verstanden. Ich erzähle schnell mal da, da, da. Langsam merkte ich okay, nicht alle Leute sind begeistert von dieser Sicht der Welt. Also in meiner Familie ist das nicht so, angekommen. Ich konnte das nicht mit denen Teilen zumindest. Es führte so ein bisschen zu einer Vereinsamung, in a way. Ja, oder eine Entfremdung vielleicht.

Was ist eine gute deutsche Übersetzung für das englische Wort race? Rasse ist es sicherlich nicht. Genau mit solchen Fragen über die Übersetzung von politisch aufgeladenen Begriffen setzt sich das Projekt: Macht-Sprache von Pocolit auseinander. Pocolit ist eine Plattform für postkoloniale Literatur, die ihr unter www.pocolit.com findet. Pocolits Projekt Macht-Sprache wird vom Berliner Senat gefördert. Macht-Sprache wird eine Web-App, mit der gute und schlechte Übersetzungsbeispiele politisch sensibler Begriffe gesammelt, sortiert, diskutiert und bewertet werden. Im Sommer ergänzen Expert*innen in einer Reihe von Online Veranstaltungen Macht-Sprache mit ihrem Input. Ende 2021 entsteht aus der ganzen Arbeit ein frei zugängliches Tool, dass Kulturschaffende unterstützt, sensible Übersetzungen in ihrer Arbeit zu verwenden. Ihr könnt ab sofort auf www.machtsprache.de mitdiskutieren. Gute und schlechte Übersetzungsbeispiele aus Filmen und Büchern eintragen, euer Wissen teilen und vielleicht auch neues lernen.

Wir haben ja eine Gruppe, wo Menschen Fragen stellen können, per Sprachnachricht. Und wir haben eine Frage für dich, liebe Sharon. Die Spiele ich jetzt einmal ab.

Hallo liebe Tupoka hallo liebe Sharon, ich bin die Tiffany und zuerst einmal möchte ich sagen, dass ich diesen Podcast wirklich so sehr liebe. Er hat mir vor allem im letzten Jahr total viel gegeben und ich war echt so froh darauf gestoßen zu sein, weil das hat eine ganze Kettenreaktion ausgelöst, kann man sagen. Das war so plötzlich der Ort oder das waren die Momente, in denen ich da saß oder auch am Spazieren war und mich andauernd erwischt habe, wie ich entweder auch teilweise laut gesagt habe: "Ja, genau das." Dafür hatte ich keine Worte oder so nennt man das also, oder? Ich bin also wirklich nicht verrückt. Das ist wirklich passiert. Und diese Gefühle darf ich wirklich zulassen. Also er hat mir sehr viel Kraft gegeben und hat mir auch den Anstoß und den Push gegeben, den ich gebraucht habe, um endlich meinen Podcast zu starten, tatsächlich. Damit hab ich schon lange gespielt, mit dem Gedanken und ja, vielen Dank dafür erstmal. Und ich freue mich auf alle weiteren Gespräche und werde mir jedes einzelne auch gerne zweimal anhören. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich Sharon leider vorher nicht kannte, was auch daran liegt, dass ich seit letztem Jahr erst wirklich meine Augen dahin gehend geöffnet habe und aber dankbar bin, z.B. durch tupodcast immer wieder neue, tolle starke Frauen kennenzulernen. Deshalb danke auch dafür und ich habe mir ein paar Sachen von dir angeschaut und war sofort begeistert und freue mich dementsprechend auch auf dieses Gespräch. Ich hab mir ein Interview angeschaut von 2017 war das glaube ich. Und da hast du Sharon gesagt, dass du im Jahre 2006 das Gefühl hattest, Deutschland hätte sich irgendwie gefunden und man hat sich willkommen gefühlt. So nach dem Motto Ja, kommt alle her, hier ist es toll und ihr seid hier willkommen. Wie siehst du das heute? Wie empfindest du die Stimmung heute für dich persönlich? Und in diesem Interview hast du auch davon gesprochen, dass du Probleme damit hattest, eine Zugehörigkeit irgendwo zu empfinden? Dass du in Ghana das Gefühl hattest, nicht zu Hause zu sein, in London oder England allgemein auch nicht. Aber, du hast gesagt, du hattest dein Zugehörigkeitsgefühl verändert und umgelenkt. Wie genau hast du das gemeint bzw. was hast du getan und wie geht es dir heute damit? Was wären deine Tipps? Denn, das ist etwas damit struggle ich noch heute und immer noch. Und ja, vielen Dank für die Möglichkeit und ich freue mich sehr auf das Gespräch. Ganz liebe Grüße

Oh, schöne Frage.

Danke Tiffany, für diese echt spannenden Fragen. Ich habe zwei Fragen gehört und ich bin super dankbar für die erste Frage. Kann ich jetzt schon sagen. Ich habe ja erzählt, dass ich nicht immer da war, politisch, wo ich heute bin. Und das ist ein Beweis davon. Ich erinner‘ mich genau an dieses Interview und ich erinnere mich das gesagt zu haben. Und ich meinte das auch so, dass in 2006, als ich nach Deutschland gekommen bin, diesmal um zu bleiben mit den Kindern. Das war genau zu der Zeit der WM und es war Sommer. Und alles hat gestrahlt. Es war Glitzer überall. [beide lachen]

Hat Deutschland gewonnen bei dieser WM? Hat nicht gewonnen, aber auf jeden Fall hat diese Mannschaft hat total toll gespielt und alle haben sich gefreut, lagen sich in den Armen und meine Kinder waren noch Deutschlandfans. Ich sage noch, weil in Großbritannien waren sie Deutschlandfans, in Deutschland waren sie Ghanafans sind so weiter. Es hat sich immer gewandelt, je nach Kontext. [Tupoka lacht]

Sie kommen hier an und so: Deutschland, Deutschland," und ehrlich gesagt, 2006 wollte ich nicht nach Deutschland ziehen. Das war eher so eine Notlösung. Ich hatte das Gefühl, ich hatte so eine Hassliebe zu Berlin und ich fühlte mich hier so okay, wenn es sein muss. Ich bin dann her und kam an und alles hat gestrahlt. [beide lachen] Ich kann es nicht anders beschreiben. Und ich habe in diesem Interview gesagt, es war, als hätte ganz Deutschland gefeiert, dass wir hierher kommen. [lacht]

Und dann, Jahre später, merke ich, dass das eigentlich ein sehr problematischer Blick auf die Verhältnisse war. Und vor allem muss ich hier an der Stelle Max Czollek erwähnen. Er redet genauso von dieser Zeit, also nicht genauso! Er redet über diese genaue Zeit, aber ganz anders, als ich das in diesem Interview gemacht habe, und er erzählt, wie problematisch er das findet und damals fand. Dieses:" Na endlich dürfen wir feiern, dass wir deutsch sind!" Ja, wir müssen uns jetzt nicht mehr mit der Vergangenheit auseinandersetzen.

"Wir können die Flagge zeigen"

"Wir können die Flagge zeigen" und so. Und das hatte ich überhaupt nicht auf den Schirm. Ich kam dazu als eine Person, die Deutschland Sozusagen aus der Ferne kannte. Und ich weiß noch, von meinen Teenie years on going, dass die die Menschen, die ich aus Deutschland kannte, eher so zurückhaltend waren mit diesem Deutschsein. Also: "Leute, die die Flagge zeigen, sind eher problematisch und so." Und deswegen, als ich das erlebt habe in 2006 hab' ich gedacht da ist was Tolles passiert. Und jetzt? Jetzt mit meinem Wissen - ich bin Max Czollek sehr dankbar - aber auch viele verschiedene Leute haben gesagt das war eher so eine Einleitung einer sehr problematischen Entwicklung.

Also was ich gemerkt habe nachdem ich dieses Interview gegeben habe und ich habe jetzt mehr Zeit in dem deutschen mainstream German Literature Bereich verbracht. Ich merke mehr und mehr, dass es doch Tendenzen, die eher problematisch sind, gibt. Und wie soll ich das sagen? Es klingt sehr drastisch, aber es ist auch so, dass ich mich wirklich wenig ausserhalb meines Safe Space bewege. Ich arbeite von zuhause. Ich kann, wenn ich will, den ganzen Tag einfach in meiner Wohnung sein oder in meinem Home-Office und niemand sehen außer meinen Kindern. Und es geht mir blendend. Also ich muss nicht rausgehen. Und das hat auf jeden Fall damit zu tun, dass ich mir diese Erfahrungen von geothert zu werden, nicht tagtäglich, reinziehen möchte, wenn ich das nicht muss. Also wenn ich unterwegs bin als Mutter von Schulkindern und ich muss in die Schule gehen, ich muss zu dem Elternabend gehen, dann hab ich einen Panzer an.

Ja! Genau.

Und ich muss mich wappnen, wirklich!

Genau.

Ist es ein Privileg? Ist es ein Glück? Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, dass ich nicht mehr Hartz IV beziehe. Ich muss mich nicht mehr mit Menschen in Büros rumschlagen, die mich teilweise sehr, sehr fragwürdig behandelt haben, mit mir sehr herablassend gesprochen haben. Das alles ziehe ich mir nicht mehr rein. Die Menschen, mit denen ich mich umgebe, sind eher Leute die Literatur schätzen...[lacht]

Die uplifting sind vielleicht auch.

Oder halt Community Menschen. So habe ich mir, um auf die zweite Frage zu kommen, diese Gefühl von zugehörig sein, ist eigentlich nicht wirklich ortsgebunden. Ich würde das jetzt ein bisschen revidieren, was ich damals gesagt habe, dass ich mich nicht in Ghana zugehörig fühle oder in Großbritannien. Das stimmt, aber das hat auch damit zu tun, wie ich das selber gestalte. Würde ich jetzt sagen. Ich hab‘ sehr viel in der Hand und ich habe in mir ein Zugehörigkeitsgefühl zu Germany aufgebaut. Das hat -bitte nicht falsch verstehen- nichts mit der Nation zu tun. Ich renne jetzt nicht mit einer Fahne im Gesicht rum oder so. Es hat mit Menschen zu tun, mit denen ich Zeit verbringe, die ich liebe, die mich lieben, die meine Kinder schätzen, die meine Arbeit schätzen. Das ist das, wo ich meine Kraft ziehe.

Ich denk' dabei an diese Rede von Taye Selasi: "Don't ask me where I'm from. Ask me where I'm local." Die hat für mich ganz viel Sinn gemacht, weil sie da sagt: Weg von diesem national Zugehörigkeitsgefühl, hin zu einem Lokalen. Sie fühlt sich zugehörig zu Orten, Menschen und auch Traditionen in diesen Orten, aber eben nicht auf diese nationale Grenzen beschränkt. Ich fand das einen schönen Ansatz, den ich sehr hilfreich fand. [Sharon stimmt zu]

Es gibt einen Ort Mbeya in Süd-Tansania, dem ich mich zugehörig fühle, wo ich Verbindungen habe. Aber den gibt's auch in der Leipziger Süd-Vorstadt und in Kreuzberg.

Du warst ja dann später sogar im Vorstand von der ISD.

Ja.

Ist es zu pathetisch zu sagen, dass die ISD teilweise auch ein Zuhause abbilden kann?

Ist nicht pathetisch, ne. Es ist auf jeden Fall Teil. Also Zuhause finde ich ein gutes Wort, weil zuhause für mich nicht immer ausschließlich positiv ist.

Ne, genau!

Es ist eine Organisation mit Menschen drin und das erfordert eine gewisse Auseinandersetzung mit anderen Personen, mit politischen Ansichten. Das schätze ich sehr, dass die ISD das macht, nicht davor scheut. Sie ist nicht perfekt und es ist schwierig manchmal. Es gibt auch diskriminierungskritische Sachen, die wir auf jeden Fall innerhalb der ISD diskutieren können, sollen, müssen, machen. Also es wird gemacht. Was für mich sehr wichtig war und warum ich immer wieder nach Deutschland gekommen bin, immer wieder Bundestreffen besucht habe. Dieses verlängerte Wochenende einmal im Jahr, wo Schwarze Menschen aus Deutschland, aus Europa zusammenkommen. In einer Jugendherberge sind und Programm machen: Workshops, Seminare, Partys, Kinderworkshops und so weiter.

Ich fand es super wichtig, dass meine Kinder ein Verständnis von sich haben das ganz ist. Also nicht, du bist halb das und halb das oder viertel Ghana und so. Das fand ich nicht schön. Und die Vorstellung, dass meine Kinder irgendwie Großbritannien mit Schwarz [lacht] verbinden, weil meine Familie in Großbritannien Schwarz ist. Aber die Familie, die in Deutschland weiß ist, das ist die weiße Hälfte, oder was? Ich sage nee, damit kann ich nicht. Ich will nicht, dass sie über sich dieses Selbstverständnis haben und deswegen war es unabdingbar, dass meine Kinder sich auch, unter anderem, als Schwarze Menschen verstehen, Schwarze Deutsche verstehen und dass sie sich als ganz verstehen. Ich habe immer gesagt: " Ich möchte nicht, dass ihr von euch als halb..

Oh, ich hasse das. Dieses halb und halb, es ist schrecklich.

Bitte nicht, drives me nuts.

Danke, dass du das sagst. Danke. Ich merke, dass jetzt, mit meinem fast 41-Jährigen-Ich, es was Heilendes hat, wenn du das sagst. Das ist schön.

Es ist so schlimm finde ich. [Tupoka stimmt zu]

Ich habe nicht wirklich verstanden, wozu das gut ist. Selbstverständlich kommt es manchmal in Nationalität fragen, wenn eine Person beide Pässe hat, also zwei Pässe oder drei. Dann sagt man so: "I'm half british and half german" aber ich weiß nicht warum. Warum bist du halb? Du bist doch beides. Du bist zwei.

Also ich finde das Wort macht auch was. Dieses du bist halb etwas heißt, du bist eben nicht vollkommen. Das verstärkt dieses Gefühl von Zerrissenheit und auch von Deutungshoheit und Dazugehören und belonging, weißt du?

Auf jeden Fall. Also mir war wichtig, dass die Kinder diesen Zugang zu verschiedenen Sachen haben. Verschiedene Momente, in denen sie ihre eigene Identität verstehen, prägen und so. Und dann habe ich mir gewünscht, dass sie sich als ganz verstehen. Und ich habe tatsächlich gesagt, so ein bisschen controversial, auch wenn ihr sagt, ihr seid weiß, ok. Aber bitte nicht halb. Was ich verstanden habe unter Schwarz sein und ich möchte das Betonen! Wenn ich von Schwarzsein rede, rede ich nicht über Hautfarbe. Ich nicht. Und dass ich gesagt habe, meine Kinder sind Schwarz, kam nicht immer gut an. Es gab viele Leute, die sagen hey, die sind nicht Schwarz sie sind, they are quite light actually. They're not that Black. No, no, no. Erstens ist Schwarz nichts Negatives und zweitens hat das mit einer Erfahrung zu tun, die sie auf jeden Fall machen. Das sind Menschen, die in einer weißen Gesellschaft aufwachsen und das geht mit bestimmten Erfahrungen einher. Und sie wählen ihre Strategien, wie sie damit umgehen. Und sie haben den Zugang zur Community. Die haben einen Zugang zur Literatur und Musik und Kultur. Und das alles macht das aus, ihre Identität. Und das nenne ich Schwarz. Und es ist schön, dass meine Kinder für sich entschieden haben, wie sie sich nennen und wie sie sich identifizieren. Und das wird nicht von außen, also ich hoffe nicht von denen, übergestülpt. Und deswegen dieses halb? Also was soll halb weiß sein?  Wie geht das you know? So, no. [lacht]

Genau. Und auch dieses Schwarzsein. Also das Schwarzsein an sich ist ja auch nicht eine Erfahrung. Also dieses halb halb, an das kann man vielleicht auch nur dann denken, wenn man davon ausgeht, dass Schwarzsein eben nur eine (einzelne) Erfahrung ist. Oder weißsein du nur eine (einzelne) Erfahrung ist. Und das ist es nicht. Also Schwarzsein kann ganz viele verschiedene Erfahrungen haben.

Ich hab‘ das oft mit dem Thema Deutschsein, dass ich immer denke, ich fänd's schön, wenn wir diese Definition erweitern von Deutschsein. Das da eben auch rein passt einen Vater aus Tansania zu haben oder Vorfahren. Sich auch in unterschiedlichen Kontexten heimisch zu fühlen, verschiedene Identitäten in sich zu vereinen. All das passt da rein.

Ja, das wird sehr eng gefasst, was Deutschsein bedeutet,

Genau

Ich bin tatsächlich inzwischen auch auf dem Papier deutsch. Ich kann jetzt sagen ich habe die deutsche Staatsangehörigkeit. Aber auch bevor ich die deutsche Staatsangehörigkeit hatte, fühlte ich mich deutsch, weil ich hier lebe, weil ich hier agiere, ich hier politisch aktiv bin. Ich gehe in Auseinandersetzungen mit Menschen, die hier leben. Die prägen mich, ich präge sie. Ich erziehe meine Kinder hier ich arbeite hier. Was soll daran [lacht] bitteschön nicht deutsch sein? Ok, ich bin in Großbritannien sozialisiert worden. Das bringe ich auch mit zum Tisch. Aber die Tatsche das Deutschland aus Menschen besteht, die hier ihren Lebensmittelpunkt haben. Egal seit wann und egal für wie lange, das ist das, was diese Gesellschafft ausmacht. Und deswegen ist es für mich so sehr eine Nationalitätsfrage. Ich wünsche mir, dass die Diskussion eher so geführt werden könnte und nicht so ganz genau geschaut werden würden wegen Aufenthaltsgenehmigung und Duldung. Das ist Menschenverachtent.

Ja, absolut. Gab es für dich einen Punkt wo du bewusst entschlossen hast, Schreiben ist mein Weg, aktivistisch zu sein?

Yes, ja. Das hat damit zu tun, dass ich jahrelang alleinerziehende Mutter war und wieder bin. Ich wollte politisch aktiv sein, ich bin politisch aktiv und wollte das gut mit meinem Familienleben kombinieren. Das geht nicht immer leicht, aber ich glaube das muss nicht schwer sein. Es gibt Kontexte, in denen es einfacher ist als andere. In dem Kontext, in dem ich war, damals, hatte ich das Gefühl, ich schaffe es nicht gut, aktivistisch unterwegs zu sein und für meine Familie gut da zu sein. Und ich habe mich bewusst entschieden zu schauen, wo ich mit den Mitteln, die ich habe, guten Einfluss ausüben kann.

"Wenn es einen Roman gibt, den du gerne lesen würdest, aber es gibt diesen Roman noch nicht, dann schreib' s selber." Ok, das nehme ich ernst [lacht]. Und so ist "die Dinge die ich denke, während ich höflich lächle" entstanden.

Ich liebe dieses Buch. Sharon: [lacht]

Es war mir auch ein Ziel, tatsächlich, weil ich so ungeduldig bin und war. Also, es gibt da eine Diskussion über politisch korrekte Sprache, politisch korrekte Kunst oder Kunstfreiheit, künstlerische Freiheit und so. Das geht ungefähr so: "Wenn wir korrekt sein wollen mit unserer Sprache, dann geht die Kunst verloren." Und ich wollte ja mit meiner Literatur sagen Ich glaube, es geht beides. Und es geht beides ganz gut. Ich will nicht sagen, dass ich perfekt bin. Ich bin mir sicher, wenn ich jetzt also die Dinge, an die ich denke, lesen würde, ich würde ganz viele Sachen nochmal unterstreichen. Okay, das könnte ich anders formulieren. Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben mit Adas Raum. Es kommen, soviel ich weiß, keine Begriffe vor, die eigentlich eine Beleidigung sind auf ableistische Art und Weise. Diese ganzen Wörter mit mad oder verrückt oder so hab ich nicht verwendet. Ich hab mein Bestes gegeben, kein generisches Maskulinum zu verwenden Das war Arbeit. [lacht]

Das glaub' ich dir.

Also ich habe sehr versucht, auch diverse Perspektiven einzubauen, ohne die Ich-Figur. Es gibt zum Beispiel eine Figur, die ist taub. Ein Mann, Alfie oder es gibt ein Paar, ein lesbisches Ehepaar. Ich habe versucht, diese verschiedenen Menschen, soweit es ging in dem Roman auftauchen zu lassen. Es war mir wichtig zu zeigen, ja, ich sehe euch. Ich weiß, dass diese Gesellschaft aus viel mehr besteht als cis hetero Menschen zum Beispiel. Und ja, es ist eine Herausforderung und bestimmt hab ich das nicht immer 100 prozent richtig getroffen. But, Schreiben ist auch Übung, finde ich.

ja.

Es ist eine Kommunikation, es ist eine Aussage. Zu diese Aussage gehört, dass ich eine Rückmeldung bekomme und dann in der nächsten Schleife [lacht] mache ich das vielleicht besser.

Das ist so schön, wie du das jetzt gerade beschrieben hast, weil es genau dieser Punkt der Kunstfreiheit, quote unquote, ne, braucht gar keine quotes. Was diskutieren wir so viel, wenn wir im Theater arbeiten? Also mit Menschen aus dem Theater Bereich arbeiten? Und ich finde Adas Raum ist dann eine Art wie Slap in your face. See! Es ist möglich, weil immer wirklich so getan wird, als ginge nur das eine oder das andere nur die irgendwie plakative Reproduktion von irgendwie Rassismen und anderen Diskriminierungsformen oder schöne Kunst. Das ist total absurd und ich finde immer es ist auch langweilig. Es geht ja auch viel darum was Neues zu machen in der Kunst und irgendwie Boden zu betreten, den wir noch nicht betreten haben und so. Und immer wieder zurückzufallen in diese diskriminierenden Reproduktionen ist so alt.

Ja [lacht]

Das ist so langweilig. [beide lachen]

Die wollen provozieren, ne, das is' mein Lieblingsding. Ich möchte provozieren und ich denke okay, du machst ein Theaterstück, wo die Hauptfiguren im Black Face herumspringen. Who is priviziert, ja?

Genau!

Also die Leute, die kein Problem mit Black Face haben, sitzen da und klatschen und gehen nach Hause und sind zufrieden.They're not provoziert.

Überhaupt kein bisschen.

So what's your point?

Und die anderen sind wieder retraumatisiert bzw. sind so: " ja same old same old" so ist eben Rassismus. Danke auch im Theater, danke auch im Kino, danke auch Literatur. Aber es bewegt sich nicht. Es ist nichts Neues. Es ist nicht provokant. Es ist nicht spannend. Es ist nicht revolutionär. Deswegen, aber gerade deswegen ist Adas Raum einfach so ne geile Antwort auch da drauf. [Sharon lacht]

Vielleicht [lacht] ist das das falsche Wort, aber es ist einfach so revolutionär und einfach, weil bäm, here it is.

Und es gäbe so viel mehr. Ich habe das Gefühl mit Adas Raum, wenn ich das so sagen kann. Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen das unterschätzt haben, was ich vielleicht für eine Literatur schreiben kann und sind total vor dem Kopf gestoßen. Ah, ok. Aha und sie müssen sich irgendwie ein bisschen umorientieren. Ich merke das ein bisschen an den Rezensionen. Es wird versucht, meinen Roman in eine Sparte (zu schieben) und es wird zu den erstbesten Assoziationen gegriffen. Und das ist sehr, sehr spannend zu sehen. Es gebe so viel mehr, wenn wir bereit wären, uns von diesen Schubladen zu lösen. "Eine Schwarze Autorin wird eine Schwarze Erfahrung schreiben. Das machen und nichts anderes. Deswegen können wir das nicht verkaufen, weil es nichts allgemeines ist." Whatever, whatever. Nein! Lasst uns in unsere Vielfalt sichtbar sein als Schwarze Personen. Es gibt so viel, so so viel mehr als das, was wir sehen.

Es eröffnet. Ich glaube, du hast damit auch eine weitere Tür aufgetreten aufgeschlagen.

Ich hoffe.

Jetzt sind wir ja sowieso schon bei Adas Raum. Deswegen, für alle, die es noch nicht gelesen haben. Vielleicht können wir ganz kurz ein bisschen Anzeichen in, ohne zu sehr zu spoilern?

Es ist schwer, über dieses Buch zu reden, ohne zu spoilern.

Ja, aber willst du? Soll ich?

Du kannst gerne.

Es gibt vier Adas. [beide lachen] Das is' nicht zuviel gespoilert. Es geht um vier Frauen, die alle Ada heißen. Oder Ada, [englisch] die insgesamt, ich meine fast sechs Jahrhunderte durchreisen. Das beginnt im westafrikanischen Totope im 15. Jahrhundert und endet quasi in Berlin im 21. Jahrhundert. Das ist der grobe Plot.

Ja, that's the thing.

Ja, diese vier Adas sind, also, ich weiß es nicht. Irgendwie ist das eine Ada, aber irgendwie sind's verschiedene.

Ich hab' versucht, das nicht so genau festzulegen. Es war mein Wunsch, dass ich so ein paar Sachen andeute. Je nachdem, wie der Lesende oder die Lesende drauf ist [lacht] können die Sachen zusammengefügt werden oder auch nicht. Also, es sollte eigentlich nicht so eine klassische Wiedergebur - Sache sein. Aber es ist klar, dass diese vier Personen Ähnlichkeiten haben, Sachen voneinander haben und weitertragen und weitergeben.

Aber genau das finde ich total spannend an diesem Roman, weil ich finde, dass du, den lesenden Personen so viel zutraust und auch zumutest. Also weißt du, es ist eben nicht so ein Roman, der zum Schluss sagt Ja, jetzt kommt raus, die vier gehören zusammen und sie sind eine Linie. Du bist so aha, okay, alles klar, sondern du wirst gelassen mit diesen Entscheidungen, die du selber für dich treffen musst. Und für mich war die ganze Zeit irgendwie klar das ist eine Ada. Natürlich nicht die Gleiche. Aber irgendwie war das eine.

Ja, was nicht falsch ist. Also ich würde nichts, also ich würde es sowieso nicht....

Oder, dass es Ada immer wieder gibt weil es einfach auch an so viele kollektive Erfahrungen anknüpft. Also dass es auch Anteile von Ada in mir gibt und in dir und in uns. [Sharon stimmt zu] Tupoka: So eher, jetzt nicht, dass die Person selber immer wieder da war.

Ja, das ist schön. I like that.

Interessant war beim Lesen, dass ich herausgefordert war. Weißte, ich hab' nicht so viel Zeit zum Lesen. Aber ich war total wild drauf, dieses Buch zu lesen und ich habe mich so abends ins Bett (gelegt). Und normalerweise lese ich so ein bisschen und it's pleasing. Und dann falle ich also schlaf' ich so währendessen ein. Das funktioniert nicht mit Adas Raum. [beide lachen]

Aber was gut ist, was ich durchaus gut finde. Alleine diese ersten paar Seiten, da musste ich mich kerzengerade hinsetzen, ohne das jetzt zu spoilern. Und ich habe mich immer wieder an etwas erinnert. Ich habe mal eine Oprah's book club ein Gespräch gesehen zwischen Oprah und Ta-Nehisi Coates. Ta-Nehisi Coates hat auch ein Buch (geschrieben), der Wasser Tänzer wo der erste Satz super komplex ist. Oprah macht da so einen Witz drüber und sagt: "Hey, das war so schwierig. Wie seid ihr da durchgekommen?" Dann erzählt Oprah wiederum von einer Anekdote, wo sie mit Toni Morrison gesprochen hat und sie sagte: " Uh, das eine Buch ist so schwierig und dann hat Oprah gesagt: "That my dear, it's called reading. [Sharon lacht]

Und ich [lacht] hab' das immer wieder bei dem Buch. Ich hab' manche Passagen nochmal gelesen. Du arbeitest viel mit Irritationen.

Ja.

Du arbeitest ziemlich viel mit Irritationen.

I do. [beide lachen]

Ich sehe so ein mischivious lächeln auf deinen Lippen. [lacht]

Ja. [Pause] Schau ich, ich war in einer total luxuriösen Position. I mean, einmalig, glaube ich. Ich hatte einen Literaturpreis gewonnen. Ich hatte sowieso schon so viel Aufmerksamkeit auf mir. Der Fischer-Verlag ist auf mich zugekommen und sagte bitte, wir möchten unbedingt, ne? Und dann mit dieser Position, ganz viele Freiheiten. Es war so! Ich hätte, okay, Ich wollte (gerade) übertreiben, nicht übertreiben! Ich wollte sagen, ich hätte eine Seite einreichen können, so, das ist der Roman. Ich hatte so viele Freiheiten. Das hab ich schamlos ausgenutzt. To be honest. Eben weil ich auch immer das im Kopf habe. Ich möchte zeigen, dass es eine Diversität gibt. Und ich möchte sagen: "Bitte lasst mehr Leute rein." Das möchte ich auf jeden Fall. Irgendjemand hat geschrieben, dass ich die Tür aufhalte. Das fand' ich ein sehr schönes Bild. Irgendwo reingehen und ich die Tür aufhalte. Das trifft das, was ich auf jeden Fall machen möchte. Und ich hätte Adas Raum so nicht geschrieben, wenn ich diese Freiheiten nicht (gehabt hätte), niemals. Das wäre nicht so entstanden, oder bzw. erstens, ich konnte den Roman schreiben, so wie der ist, weil ich so viel Zeit hatte. Ich hatte auch finanzielle Unterstützung. Ich hatte einen Vorschuss bekommen. Ich habe ein Stipendium bekommen und das darf ich nicht vergessen.

Ich hätte das nicht geschrieben, wenn ich den traditionellen Weg gegangen wäre. Also hätte ich da durch eine Schreibschule sozusagen sagen gemusst [lacht]

Sozusagen gedurft, gekonnt [beide lachen]

Ich glaube, das wäre glattgebügelt gewesen, stelle ich mir vor. Wenn ich das einer Agentin gezeigt hätte dann oh, das ist ein bisschen weird für Deutschland, you know. Ich nehme an, hätte ein Verlag dieses Manuskript gelesen, ohne Bachmann und so, ja, ich weiß es nicht genau. Ich habe tatsächlich diesen einmaligen Moment, den ich geschenkt bekommen habe, schamlos ausgenutzt you know. [Tupoka stimmt zu]

Mit dieser einmaligen Chance mache ich das. Ich habe tatsächlich oft die Erfahrung beim Lesen, das Gefühl, dass die Autorin der Autor mir ein paar Entscheidungen abnimmt, die ich gerne selber treffen würde. Das hab ich oft gehabt. Möglicherweise bin ich jetzt zu weit in die andere Richtung [lacht] Erzähl' mir, was hast du genau?

Ich bin gerade auf einem anderen Punkt hängengeblieben, weil ich ja erzählt habe, dass ich gerade diese master class von Roxane Gay angucke. Sie spricht immer davon, dass es so wichtig ist, mit Autorität zu schreiben. Und wenn du gerade von dem Prozess erzählst, von dieser Freiheit und von diesem Moment so, ich mach das jetzt. Ich habe gemerkt beim Lesen, du hast mit dieser Autorität geschrieben. Und ein weiterer Punkt, hab ich dir im Vorgespräch schon erzählt, ist, dass während des Lesens aber gar nicht so sehr bewusst, bin ich die ganze Zeit davon ausgegangen, die Adas sind Schwarz. Dieses Buch ist von Sharon. Sharon schreibt für Schwarze Menschen. Ich bin Schwarz, also sind die Adas Schwarz.

Und dann habe ich mit Steven darüber gesprochen in dem Selbstverständnis, dass die Adas schwarz sind. Er meinte aber das Schöne an dem Roman ist doch, dass das die Adas einfach die Adas sind und dass eben keine Markierung besteht. Es gibt keinen Moment wo steht Ada ist Schwarz. Das gibt es nicht. Wir haben nicht gestritten, aber wir haben vehement darüber diskutiert, weil ich gemerkt hab', ich hänge da dran, dass diese Adas Schwarz sind. Der Roman ist für mich so. Und das war einfach ein ganz interessanter Punkt. Und ich hab gar keine Frage, aber ich hab' dir das erzählt oder ich möchte dir das erzählen.

Ich kann damit viel anfangen. Beim Schreiben habe ich immer wieder gedacht, wie sieht diese Person aus? Was hat sie für Erfahrungen und so weiter und so fort? Unter anderem auch, ist sie weiß oder Schwarz? Ich hatte das nur bei einer Figur, als ich gedacht habe okay, ist diese Person weiß oder Schwarz? Aber bei allen anderen war es oft nicht wichtig. Und tatsächlich habe ich an die Mittleren, ich sage die mittleren Adas, also Ada Lovelace 1848 und dann Ada in 45 in Deutschland (gedacht). Ich habe überlegt, könnten Sie Schwarz sein? Sie könnten in der Theorie Schwarz sein. Ich deute das an, weil ich auch über andere Figuren erzähle, die passen. Es gibt eine Figur, er heißt Walde. Er weiß nicht genau, wer sein Vater war, ob sein Vater Schwarz war. Er will aber verhindern, dass das jemals ein Thema sein könnte, das er eventuell Schwarz ist, weil in Nazi-Deutschland Schwarzsein eher nachteilig ist. Walde hat eine Verbindung. Wie heißt er? Alfons, der in 2019 in Berlin ist? Der erzählt wiederum ganz stolz, dass sein Großvater aus Ghana ist. Und man sieht es ihm nicht an. Aber ne, eigentlich, I'm one of you. [lacht]

Es war so eine Art, let's see. Lass uns schauen, was bedeutet es Schwarz zu sein oder als Schwarz oder weiß er durchzugehen. Und meine Antwort ist das Ada Lovelace, die echte historische Figur, keine Ahnung, ihr Vater was a wild guy, you know? Keine Ahnung, wie seine echten Familienverhältnisse waren, das weiß ich wirklich nicht. Es ist wahrscheinlich, dass er weiß ist. Aber in dem Roman finde ich es spannend diesen Gedanke zu haben, sie könnte Schwarz gewesen sein, aber als weiße gelebt haben. Es gab auch historische Figuren, die wir als weiß verstehen, gab es eigentlich immer, aber wenn wir sie genauer anschauen [lacht]. Ja, das war nicht gut. Und bei der Ada in 1945 sagt sie so einen Satz. "Es ist egal, wer ich tatsächlich bin. Es ist egal, was die Papiere sagen. Es ist nur wichtig, als was ich durchgehen kann..." oder so. Es gibt so einen Satz, den sie sagt. Sie sagt das, weil sie mit einem Mann redet, der irgendwie sagt: "wir Reichsdeutsche müssen zusammenhalten". Also er geht davon aus, dass sie Reichsdeutsche ist. Wir wissen, dass sie wahrscheinlich nicht Reichsdeutsche ist. Und deswegen sagt sie das. Also eigentlich bin ich das nicht, aber whatever? Das war um diese Tür offen zu lassen, dass Identität sowieso sehr, sehr kontextabhängig, total. [Tupoka stimmt zu]

Ja, das war der Punkt. Und das war der Grund, warum ich nicht mit ganz klaren Markierungen gearbeitet habe. Die einzige Figur, wo ich wirklich gehadert habe, wie ich das mache, dass ist es mit der Figur Cash. Der kommt ganz am Schluss. Cash, ja.

Ja. Cash. [lacht]

Wir haben über ??? gesprochen bei der Premiere. [beide lachen]

Ich weiß, ich hab' Stress von Maisha (Auma) bekommen, [beide lachen] weil sie Cash mag. Ich mag Cash auch. Aber ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, ob Cash weiß oder Schwarz ist. Bei ihm hat das einen Unterschied für mich. Ich habe ja in "die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle", über ein Ehepaar geschrieben, wo die Frau Schwarz ist, und der Mann weiß. Ich hab' gedacht, will ich das nochmal? Eigentlich wollte ich dieses Paar noch mal machen. Andererseits wusste ich, ich würde eine komplizierte Persönlichkeit beschreiben und muss das ein Schwarzer Mann sein, hab‘ ich gedacht. Wieso diese Geschichte in den Schoß von einem Schwarzen Mann legen? Das war schwierig.

Und deswegen sage ich in meiner Rede dürfen schwarze Blumen malen. Ich rede davon, dass es so eine Bürde von Repräsentation gibt, weil es nicht so viele Schwarze, männliche Personen in der deutschsprachigen Literatur gibt. Wenn es mal einen gibt, muss er perfekt sein. [lacht]

Ja, genau.

Das wollte ich aber auch nicht machen. Und deswegen bei Cash habe ich mich letztendlich entschieden, aber es war schwer.

Also es war jedenfalls. Es war interessant und ich habe auch mehrfach überlegt, warum mir das so wichtig war. Trotzdem finde ich es gut, dass es nicht benannt. Ich kann damit voll mitgehen. Es gibt eine Stelle und Maisha (Auma) hat in der Buch-Eröffnung gesagt -das war witzig, denn es war überhaupt nicht witzig, aber es war interessant,- denn wir haben es zu Hause geschaut und ich habe aufgeschrieben. Sie sagte: "Auf Seite 90 musste ich das Buch weglegen und musste auf den Balkon gehen. Und auf Seite 90 auf Seite 91 oder 90 ging es mir ganz genauso. Ich hab da sogar, das Buch ist hier, so ein Ohr rein gemacht. Macht man [lacht] wahrscheinlich nicht [Sharon lacht].

Aber einfach um es zu markieren, weil diese Stelle mich so berührt hat. Und die bringt mich zur nächsten Frage. Deswegen lese ich die paar Zeilen mal kurz vor.

Wie ein Maschinengewehr donnerte es an Adas Tür. Bei dir werden es heute nur 6! Unheimlich, wie sehr die Stimme auch nach Tod klang. Eine Ruhe kehrte jedenfalls in Ada zurück. Das passierte immer, wenn sie sich spaltete. Ihre menschenähnliche Hülle blieb dann stets im Zimmer bereit für die, die kommen würden, während sie selbst nach draußen driftete und sich vor das Fenster legte.

Und das hab ich gelesen. Und dann musste ich das Buch zu machen und erstmal atmen. Und das bringt mich zu der nächsten Frage. Also das hat mich so sehr berührt, weil du viel mit Traumata über Traumata sprichst. In dem Roman geht es viel um Traumata. Gerade diese "Strategien" des Dissoziierens, des aus sich rausgehen, ist etwas was ich in meiner Biografie ganz stark kenne. In Momenten, die mich traumatisiert haben, was wahrscheinlich auch kollektiv ist. Und meine Frage ist, ich habe mich das mehrmals gefragt beim Lesen. Wie hast du dich diesem Thema genähert? Wie hast du dich diesen schweren traumatischen - es beginnt ja auch mit so einer Traumataerfahrung, wie hast du dich dem genähert und was hat es mit dir gemacht? War das katharsisch? War das befreiend? War das schwer? Also ich will gar nicht so viel reingeben.

Ja, ja, das ist eine interessante Frage. Wie hab ich das gemacht? Ich glaube, das war für mich wichtig, dass ich das mache. Ich hab', glaub ich, das Gefühl gehabt, dass ich wusste, ich will über die Auswirkungen von der Vergangenheit auf die Gegenwart schreiben, das war mir klar. Und ich wusste, es geht darum, Trauma anschaulich zu machen. Spürbar vielleicht zu machen, um zu sagen Ja! Und wenn es das gibt, was meinen sie, was meint ihr, was davon noch weiter spürbar ist, in der Gegenwart? Es war aber nicht kartasi?

Katharsich, also reinigend oder so.

Es war nicht katharsisch, das kann ich nicht behaupten. Es war nicht schön das zu schreiben. Es war wichtig zu schreiben, aber es war sehr schwer. Es ging mir auch nicht immer gut beim Schreiben und das hatte nicht unbedingt mit dem Roman was zu tun. Das auch. Es war schwer, den Roman zu schreiben. Als Person, die alleine mit Kindern lebt, you know? [lacht] Diese Freiräume zu finden zum Schreiben und gut in den Gefühlen da zu sein. Es gab Gefühle in dem Romanen, die ich zu Papier bringen wollte. Und um das zu machen, brauche ich eine gewisse Zeit vorher und nachher, um tief rein zu gehen und das gut abzutimen mit den Bedürfnissen der Familie. Das ist nicht leicht. Oft sind Tage verflogen, weil irgendetwas anderes passiert ist.

Und dann hatte ich diese Ruhe nicht mehr. Es gab auch sehr unschöne Sachen, einfach. Das waren die Sachen, die ich erlebt habe, die mich sehr, sehr traurig gemacht haben, die mich gekränkt haben. Ich habe Leute verloren. Leute verloren in dem Sinne, dass es auch Todesfälle gab'. Aber es gab auch Auseinandersetzungen, die damit geendet haben, dass ich gesagt habe, ich möchte an dieser Stelle nicht mehr weitermachen in unsere Freundschaft, Beziehung oder so. Also diese Sachen waren alle da. Dann Geldgeschichten und so. Tatsächlich hat es viel länger gebraucht, den Roman zu schreiben, als ich mir das gewünscht hätte, was zu Verzögerungen geführt hatte. Und diese Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Menschen, die dran hängen, das war nicht immer easy, sag ich mal. Und oft fühlte ich mich verdammt allein. Ich glaube das Schlimmste war das Gefühl keine Person im näheren Umfeld zu haben die das durchmacht, was ich gerade durchmache. Die Personen, die verstehen, ah! Deswegen tickt Sharon gerade so wie sie tickt. "Wir bringen ihr ne Tasse Tee und lassen sie in Ruhe, so". Das gab es nicht. Also ich hätte es auch nicht verstanden, wenn ich das nicht selbst durchgemacht hätte. Du schreibst einfach, kann doch nicht so schwer sein.

Das gab's alles und um von diesen spezifische Erfahrungen zu schreiben, musste ich aus irgendetwas schöpfen, was schon mal da war, was ich möglicherweise selber verdrängt habe. Ich habe eine Stelle geschrieben, ich werde emotional, aber es ist okay. Ich beschreibe, wie ein Kind ermordet wird. Aber ich beschreibe das nicht eins zu eins, sondern ich gehe über ein Bild von einer Fliege, die an die Wand geklatscht wird. Ich weiß noch genau, als ich diese Stelle geschrieben habe, dass ich mich dann hingelegt habe und erst mal eine Runde geschlafen habe. Ich hab das Gefühl, dass war wichtig, das zu Papier zu bringen. Ich nehme meine Lesenden ernst, wenn ich das mache. Also wenn ich sage Okay, ich gehe so tief rein. Ich gehe viele Risiken ein mit diesem Roman, aber ich gehe so tief rein damit diese Erfahrung -wie ich das jetzt gerade spüre, tatsächlich rüberkommt, so wie ich das meine auf dem Papier. Und ich hoffe, dass die Lesenden dann mit diesen Worten was anfangen können. Die Geschichte dabei gut rüber kommt. Es wäre schwierig, diese Geschichte zu schreiben, ohne zu tief rein zu gehen. Ich hätte das machen können, aber dann hätte ich meine Lesenden nicht ernst genommen ist mein Gefühl.

Ich bin sehr dankbar, dass du das getan hast. Dieses ernst nehmen ist auch etwas, was ich total gespürt habe. Wie erzählen wir Geschichte von Frauen und von Schwarzen Frauen ohne das Thema Trauma?

Ja, exactly!

Weil das Leben ist nicht Bridgerton.

No.

Ich meine nicht das Bridgestone, also da ist auch nicht alles perfekt. Aber dieses, dass Schwarze Menschen einfach immer da waren und Frauen einfach da waren und alles war gut. Und, ja [Pause] also wie gesagt, das ist ein Roman. Ich bin jetzt beim dritten Mal lesen und ich meine das sehr positiv, aber es ist Arbeit den zu lesen. Und es ist eine ganz wichtige Arbeit. Genau diese Stellen, wo es so stark auch um Traumata geht, sind auch Stellen, wo ich ganz viel Berührung gespürt habe und Verbindung mit diesen Adas.

Und ich glaube, das ist auch ein Grund von vielen, warum es mir so wichtig ist in meinem Kopf, dass es Schwarze Frauen sind, also wo ich Verbindungen herstelle. Nicht dass sie Schwarz sind, aber wo ich diese Verbindung in diesen Erfahrungen herstellen.

Die Letzte, also es gibt so viele Sachen, die wir sagen können, aber es gibt noch eine Sache, die hatte ich dir im Vorgespräch schon gesagt habe. Dass ich auch so dankbar bin, dass die letzte Geschichte im Berlin im Jetzt endet. Viel der Literatur die ich lese, Ta-Nehisi Coates, Toni Morrison. Es sind alles wunderbare wichtige Bücher. Aber die beginnen oft auch in afrikanischen Kontexten und so und dann enden sie irgendwann in den USA. Da gibt es immer so, -warum fallen mir immer nur englische Worte ein? So einen Abstand. Das ist wichtig das zu kennen und zu wissen, aber es bringt mich nicht komplett zu mir und dafür bin ich sehr dankbar. Dass diese Ada hier landet [Sharon lacht], hier in Berlin.

Das ist schön.

Dass sie eine von uns ist, oder wir eine von ihr.

Was ich selber interessant fand und für diesen Gedanken habe ich noch keine richtige conclusion. Es gibt ja die Figur von Adas Schwester in 2019, Elle. Und Elle sagt ja: "Ich bin Deutsch! What the heck." Und dann gibt's diese zwei Frauen in Charlottenburg die sagen: Ha ha ha wir werden nie deutsch sein. [lacht] come on, you know? Und dann gibt's Ada, die sich da nicht so richtig positioniert, aber sie bringt da ein Kind zur Welt. Sie bringt ein Kind zur Welt in diesen Kontext. Und ja das war so eine Vielfalt, die ich aufmachen wollte.

Ja, interessanterweise sind es genau diese Momente, bei denen ich auch an die ISD komme. Oder an Bundestreffen oder an Treffen die wie hier haben, Sister oder Geschwistergespräche. Weißt du, das ist das wo es für mich dann in dieses Zuhause geht. Weil es Gespräche sind, an die ich anknüpfen kann.

Oh, es freut mich sehr, dass du so viel mit dem Roman [lacht] anfangen kann. Das klingt komisch aber ja.

Ja, ich danke dir für dieses Geschenk für uns alle [beide lachen]. Und ich wünsche mir natürlich, dass Adas Raum ganz viele Preise gewinnt. Und sowieso global, viral, überall gelesen wird. Ich bin dir wahnsinnig dankbar, dass du das geschrieben hast. Ich wünsch' dir unfassbar weiteren Erfolg und bin so dankbar, dass es dich gibt. Es gibt noch eine allerletzte Frage, und zwar die tupodcastfrage. Wenn du jetzt an die vielen Schwestern denkst, die jetzt gerade zuhören. Was möchtest du ihnen zuflüstern, zusagen, zurufen?

Mir schwebt es vor etwas in diese Richtung zu sagen. Es gibt viele von uns. Wir sind viele. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt als wären wir allein und vereinzelt. [Pause] Diesen Gefühlen gilt es selbstverständlich Raum zu geben. Es ist manchmal so dass wir allein sind, faktisch. Aber es ist auch gut sich darauf zu besinnen, dass es viele von uns gibt die ähnliche Gefühle haben, ähnliche Erfahrungen haben. Wenn es möglich ist in Kontakt mit anderen zu kommen, die diese ähnlichen Erfahrungen haben, kann das heilsam sein. Einfach in Erinnerung zu behalten, dass wir viele sind. Das würde ich zuflüstern,

Wie schön, ich danke dir.

Ich bin sehr glücklich, dass ich hier sein konnte. Dass es geklappt hat. Ja, es war sehr schön mit dir, meinen Roman zu besprechen. Auch wenn du nicht Tupoka Scheck heißt. Is' völlig okay. [beide lachen] Das wollte ich. Ich wollte wirklich mit diesem Roman ins Gespräch gehen, das ist wirklich superschön.

Danke, für mich eine große Ehre, dass du da warst. Ich bin auch froh, dass wir es jetzt gemacht haben. Es war richtig uns das aufzusparen und jetzt ist genau der richtige Moment gewesen. Vielen Dank dafür, vielen Dank für das Gespräch.

Sehr gern.

Vielen Dank, an alle die zugehört haben, wie immer. In den Shownotes findet ihr den Link zu Adas Raum. Bitte, bitte kaufen, wenn ihr ihn noch nicht habt! Auch Kontaktdaten zu Sharon, Instagram usw., aber ihr findet sie natürlich sofort wenn ihr sie einmal googelt. Vielen Dank auch an euch, fürs Zuhören. Dir Sharon, wünsche ich alles Gute.

Danke, dir auch!

Euch da draußen auch. Bis bald, bis zum nächsten Mal hier bei tupodcast.

Der Podcast von Tupoka Ogette. Gespräche unter Schwestern.

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[Musik]